Vor allem in Westeuropa revolutionierte der steigende Wohlstand nach dem Krieg die Esskultur.

Hunger und Mangel, unter denen weite Teile der europäischen Bevölkerung in den Kriegsjahren litten, waren mit dem Ende des Krieges keineswegs überwunden. Besonders im zerstörten Deutschland blieb die Versorgungslage noch Jahre nach Kriegsende kritisch. Lebensmittel blieben bis in die 1950er-Jahre rationiert, Schwarzmärkte blühten.

Dabei wirkte sich die Spaltung des Landes in die Einflusszonen des Westens und der Sowjetunion auch auf die Ernährungssituation aus. Die Westbevölkerung erhielt von den Besatzern Nahrungslieferungen, was im Osten nicht geschah. Die Sowjetunion hatte im Krieg so viel Zerstörung erfahren, dass die Versorgung der eigenen hungernden Bevölkerung zunächst Priorität hatte.

In den Folgejahren zeigten die unterschiedlichen Wirtschafts- und Gesellschaftssysteme im kapitalistischen Westen und im kommunistischen Osten ihre Wirkung. Im Osten wurden regionale Gerichte zunehmend ersetzt durch standardisierte Versorgung nach Planvorgabe, statt der Mahlzeit am heimischen Tisch wurde das Kantinenessen zum Standard für weite Teile der Bevölkerung.

Im Westen dagegen gab es die sprichwörtliche Fresswelle. Dank des Wirtschaftswunders konnten sich viele Menschen nach den entbehrungsreichen Nachkriegsjahren endlich wieder gutes und reichliches Essen leisten. Lange vermisste Lebensmittel waren plötzlich nahezu grenzenlos verfügbar, insbesondere Fleisch und Importwaren. Innerhalb weniger Jahre vervierfachte sich auch der Konsum von Luxuswaren wie Zigaretten und Alkoholika, auch Frauen hatten daran zunehmend Anteil.

Der steigende Wohlstand in Westeuropa veränderte die Esskultur auf vielfache Weise. Diverse Küchengeräte, der Kühlschrank und die Gefriertruhe revolutionierten Zubereitung und Lagerung. Tiefgekühlte Frischkost ersetzte die geräucherten, eingelegten oder gepökelten Varianten der Haltbarmachung, Fertigprodukte nahmen einen immer größeren Platz in der heimischen Küche ein.

Dem neuen Massenkonsum entsprachen die aufkommenden Supermärkte. Die Ware wurde nicht mehr über die Ladentheke gereicht, sondern vom Kunden selbst eingesammelt. Dadurch bekamen Markennamen und attraktive Verpackungen plötzlich eine herausragende Bedeutung.

Der wachsende Wohlstand großer Bevölkerungsteile in Westeuropa setzte zudem eine bisher unbekannte Reisewelle in Gang, die zu einer nachhaltigen Durchmischung der europäischen Esskulturen führte.

Auch die Art und Weise, wie gegessen wurde, durchlief einen tiefgreifenden Wandel. Nach der flächendeckenden Verbreitung des Fernsehers in den 60er-Jahren wurde der Bildschirm quasi zum Haupt der Tafel und verdrängte vielerorts die familiäre Tischkultur.

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