Die letzten Jahrzehnte brachten eine nie gekannte Vielfalt mit sich – und damit eine neue kulturelle Esskultur.

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Nach zwei Millionen Jahren unaufhörlichen Wandels der Esskultur und dramatischer Krisen schien nun – zumindest in Westeuropa – ein nahezu paradiesischer Zustand erreicht. Eine effiziente Massenproduktion versorgte die Bevölkerung ausreichend mit Lebensmitteln. Und, ebenso wichtig, eine Phase politischer Stabilität ermöglichte den ungestörten Genuss der Produkte. Und die Entwicklung einer neuen Esskultur.

Und doch wich die allgegenwärtige Fortschrittsgläubigkeit der Nachkriegszeit in den 70er-Jahren aufkommenden Zweifeln.

Zunächst wurde vielen Menschen bewusst, dass der Reichtum Westeuropas nicht das Ende des globalen Hungers bedeutete, sondern im Gegenteil auf der massiven Ausbeutung und dem Mangel in weiten Teilen der Dritten Welt beruhte.

Zudem begann die aufkommende Ökologie- und Verbraucherschutzbewegung, die Konsequenzen der industriellen Lebensmittelproduktion zu hinterfragen und setzte damit nach und nach einen kulturellen Wandel in Gang. So ist z.B. in Westeuropa zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte der Fleischkonsum trotz wachsenden Wohlstands rückläufig.

Die 80er-Jahre trugen mit neuen Light-Produkten dem gesellschaftlichen Druck zur Selbstoptimierung Rechnung. In der Folge avancierte sogenanntes Functional Food zum neuen Trend: Nahrung, die wie der zahnreinigende Kaugummi neben der Sättigung weitere Funktionen verspricht. Mit diesen Neuerungen ging eine massive Zunahme von allgegenwärtiger und aggressiver Werbung einher, welche das Konsumverhalten nicht nur spiegelte, sondern neu erschuf.

Auf eine abstruse Weise kehrte dabei der Hunger nach Westeuropa zurück. Nicht Mangel, sondern die verzerrten Idealbilder der modernen Werbeindustrie brachten mit der Magersucht ein zuvor gänzlich unbekanntes Krankheitsbild hervor.

Insgesamt gab es zu keiner Zeit weniger verbindliche kulturelle Normen für die Zubereitung und die Einnahme des Essens als in unserer Gegenwart. Dies schafft Freiheit, kann aber auch zu einer gewissen Orientierungslosigkeit führen. Als Reaktion darauf ziehen sich viele Menschen auf standardisierte Geschmacksinseln zurück, um ein Stück Stabilität zu bewahren.

Mit allgegenwärtiger Werbung und aggressiv verbreiteten Ideal-Körperbildern hat der neue Wohlstand also nicht nur Gutes gebracht. Trotzdem haben wir heute so viel kulinarische Auswahl wie noch nie. Trau dich also ruhig öfter, deinen Geschmack zu erweitern und neue Gerichte auszuprobieren!

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